Fragen zur Schädlingsprävention und -beratung? Dr. Gabi Müller ist dafür die erste Ansprechpartnerin im Umwelt- und Gesundheitsschutz der Stadt Zürich. Bis 2004 war sie auch selber aktiv als Schädlingsbekämpferin tätig und freut sich bei Aufträgen rund um Schädlinge immer über ihre Praxiserfahrung.

Anlässlich des Tags der Frau am 08. März durfte traplinked Frau Dr. Müller einige Fragen zu ihrer Arbeit, ihrem Alltag und ihren Ansichten stellen. Ihre Antworten lesen in folgendem Interview.

Dr. Gabi Müller
(Quelle: Stadt Zürich, Umwelt- und Gesundheitsschutz)

1. Wie sind Sie zur Schädlingsbekämpfung gekommen?

Ich bin Biologin und per Zufall zur Schädlingsbekämpfung gekommen. Ich war arbeitslos und hatte in dieser Zeit mit meinem damaligen Freund eine neue Wohnung bezogen. Darin fanden wir ein paar Kakerlaken. Ich wusste, dass eine Kollegin von der Universität bei der Schädlingspräventionsstelle der Stadt Zürich angestellt war. Mit ihr habe ich telefoniert und von den Schaben erzählt und gleichzeitig erwähnt, dass ich arbeitslos sei. Sie sagte mir, ich solle eine Kakerlake einschicken zur Bestimmung und fragte, ob ich bei ihnen im Stundenlohn anfangen wolle mit der Eingabe von Daten. Sie hatten Anfragen zu Schädlingen über mehrere Jahre auf Papier erfasst und brauchten jemanden, der diese in eine Datenbank eingibt. Da ihr Kollege bald in Pension gehe, bestehe die Möglichkeit auf eine Festanstellung. Diese Chance habe ich gepackt und bin jetzt seit fast 25 Jahren mit viel Freude dabei.

Die Schaben haben mir also Glück gebracht.

Und die Schaben waren übrigens harmlose Waldschaben. Die Wohnung war vor unserem Einzug neu gestrichen worden und durch die angekippten Fenster sind die Waldschaben in die Wohnung gekommen. Sie haben mir also Glück gebracht.

2. Beschreiben Sie einen typischen Tag in Ihrem Arbeitsleben.

Da ich die Schädlingspräventionsstelle leite, bin ich mehr im Büro als draußen unterwegs. Ich muss neben der Führungsarbeit viel administrative Arbeiten erledigen. Letztes Jahr mitten in der Hochsaison ist das ganze Amt umgezogen. Wir haben neben dem Büro noch zwei Keller mit Bioziden und Anschauungsmaterial, das lässt sich nicht so leicht einpacken wie ein normaler Büroarbeitsplatz. Das hat mich viel Zeit und Nerven gekostet. Aber es ist zum Glück alles gutgegangen und wir haben uns am neuen Ort gut eingelebt.

Seit 2017 mache ich das Mückenmonitoring und die Bekämpfung von Mückenlarven in den Gullys auf der Fernbus-Station mitten in Zürich. Da stelle ich jeweils im Mai einen Ring von Fallen rund um den Platz auf, weil mit den ca. 150 Fernbussen pro Tag auch die Tigermücke einreist. Bis jetzt konnten wir sie erfolgreich von einer Etablierung abhalten und sie ist auch noch nicht in benachbarte Quartiere eingedrungen. Bis im Oktober muss ich alle zwei Wochen die Fallen einsammeln und dann im Labor unter dem Binokular Mücken bestimmen und Mückeneier suchen. Diese Arbeit dauert jeweils einen ganzen Tag und ist manchmal ziemlich unschön, da die Leute meine Fallen mit Abfalleimern oder auch mit Toiletten verwechseln.

Dann begleite ich auch ab und zu einen meiner Kollegen auf eine Inspektion in ein Haus mit Schädlingsbefall in mehr als einer Wohnung (z.B. Schaben, Bettwanzen, Pharaoameisen etc.). In diesen Fällen haben die Mieterinnen und Mieter die Schädlinge der Hausverwaltung schon gemeldet, aber die Verwaltung unternimmt nichts dagegen. Wir können die Hauseigentümer gemäss der kantonalen Wohnhygieneverordnung zur Bekämpfung im ganzen Haus auffordern, wenn wir bei einer Inspektion in mehr als einer Wohnung Schädlinge finden. D.h. wir vollziehen die Wohnhygieneverordnung. Wenn die Hausverwaltung auf unsere Aufforderung nicht handelt, können wir eine Verfügung und sogar eine Ersatzvornahme erlassen.

Und manchmal muss ich eine Spezialreinigung organisieren, wenn jemand über längere Zeit tot in der Wohnung gelegen ist. Diese Aufträge bekommen wir von der Stadtpolizei. Es geht darum, die Nachbarn vor Geruch und Insekten zu schützen. In diesen Fällen holen wir die Wohnungsschlüssel bei der Polizei, gehen mit einer SBK-Firma in die Wohnung, sagen, was entfernt werden muss und dokumentieren den Zustand der Wohnung mit Fotos. Früher hatten wir 25 – 35 solche Fälle pro Jahr. In letzter Zeit gibt es immer mehr Jahre mit mehr als 50 solchen Fällen.

3. Wie unterscheidet sich Ihre tägliche Routine von der in anderen Jobs, die sie im Laufe Ihres Arbeitslebens schon gehabt haben?

Ich habe zwischen dem Studium und meiner Doktorarbeit zwei Jahre als Assistentin an der EAWAG (Schweizer Institut für Gewässerforschung) gearbeitet. Da haben wir den Studierenden gezeigt, welche Insekten und anderen wirbellosen Tiere in den Gewässern vorkommen. Wenn ein See belüftet oder ein Stausee gespült wurde, haben wir die Auswirkungen auf die Invertebratenfauna untersucht. Da habe ich gelernt Insekten zu bestimmen und mir die Hände dreckig zu machen. Das hat mir beim Einstieg in die Schädlingsbekämpfung sehr geholfen. Auch das draußen unterwegs sein bei jedem Wetter habe ich damals schätzen gelernt.

„Da habe ich gelernt Insekten zu bestimmen und mir die Hände dreckig zu machen.“

Nach meiner Doktorarbeit habe ich im Stundenlohn in einem Ingenieurbüro in der Umweltabteilung gearbeitet und bei Umweltverträglichkeitsprüfungen mitgearbeitet. Wenn es keine andere Arbeit gab, habe ich zwischendurch den unappetitlichen Kühlschrank im Pausenraum gereinigt, am Computer Ablaufschemen gezeichnet oder bin als Sekretärin für den Abteilungsleiter eingesprungen damit ich auf meine Stunden gekommen bin. So habe ich viel dazugelernt, was ich heute noch brauchen kann. Meine Arbeit heute unterscheidet sich also nicht so sehr von den früheren Stellen, außer, dass ich jetzt auch noch ein Team leite.

Frau Dr. Müller mit dem Oberteil einer Mückenfalle an der Fernbus-Station
(Quelle: Nicolas Hofmänner, SRF)

4. Es wird oft gesagt, dass die Schädlingsbekämpfung eine männerdominierte Branche ist. Wie sehen Sie das als Frau, die in der Branche arbeitet und langjährige Erfahrung hat?

Als ich vor über 20 Jahren in der SBK angefangen habe, gab es neben meiner Kollegin und mir nur eine Schädlingsbekämpfungsfirma in der Schweiz, in der eine Frau als Schädlingsbekämpferin und nicht als Sekretärin angestellt war. Das war die Tochter des Inhabers, die später die Firma übernommen hat. Heute ist das anders und es hat mehr Schädlingsbekämpferinnen. Das finde ich sehr gut, weil der Umgang mit den Kunden, das exakte arbeiten und das Interesse an Insekten und anderen Tieren ja nicht geschlechtsabhängig sind. Und manchmal, wenn wir Inspektionen machen, merke ich, dass uns die Leute lieber in ihre Wohnungen lassen, wenn eine Frau dabei ist. Andererseits hatte ich auch schon ein lustiges Erlebnis in der Beratung als ich einer älteren Dame sagen musste, ich könne ihren gezeichneten Käfer (ein Oval mit drei Beinen auf jeder Seite) nicht auf die Art bestimmen, sie müsse mir einen Originalkäfer mitbringen. Da zeigte sie auf meinen Kollegen und meinte, vielleicht kann der Herr den Käfer bestimmen, was natürlich nicht der Fall war.

„Ich konnte ihren gezeichneten Käfer (ein Oval mit drei Beinen auf jeder Seite) nicht bestimmen.“

Ich finde es sehr wichtig, dass man weiß, dass es heute auch Schädlingsbekämpferinnen gibt und ich achte bei jedem Text, den wir erarbeiten auf die korrekten Formulierungen. Damit gehe ich meinen Kollegen wohl manchmal auf die Nerven.

5. Was lieben Sie am meisten an Ihrer Arbeit?

Am meisten liebe ich, dass ich in meiner Arbeit einen Sinn sehe, dass ich etwas bewirken kann, dass wir den Leuten helfen können. Zum Beispiel gibt es viele Leute, die mit Schaben in die Beratung kommen niedergeschlagen und verzweifelt, weil sie denken, sie bringen die nur mit einer Schädlingsbekämpfung wieder weg. Wenn wir ihnen sagen, dass es harmlose Waldschaben sind, hüpfen sie dann fast aus dem Büro.

Ich bin sehr zufrieden, dass wir in der Stadt Zürich mit Hilfe der Wohnhygieneverordnung dafür sorgen können, dass in Häusern mit massivem Schaben- oder Bettwanzenbefall im ganzen Gebäude eine Bekämpfung in Auftrag gegeben wird.

6. Über welche Veränderung in der Branche der Schädlingsbekämpfung würden Sie sich freuen?

Die SBK bekommt meiner Meinung nach zu wenig Anerkennung. Ich hatte sogar einmal einen jungen SBK in der Ausbildung, der die Schädlingsbekämpfung wieder aufgab, weil seine Freundin sich seinetwegen schämte. Wenn ich er gewesen wäre, hätte ich die Freundin aufgegeben, nicht den Beruf!

„Wenn ich er gewesen wäre, hätte ich die Freundin aufgegeben, nicht den Beruf!“

Schädlingsbekämpfung ist Gesundheitsschutz. Viele Schädlinge können Krankheitskeime übertragen und / oder sonst große Schäden anrichten. Das ist heutzutage viel zu wenig bekannt. Vielleicht auch, weil wir so gut arbeiten und es selten zu großen, durch Schädlinge verursachten Krankheitsausbrüchen kommt.

7. Anlässlich des Frauentags am 08. März: Welche Nachricht möchten Sie anderen Frauen in der SBK mit auf den Weg geben?

Zeigt euren Kindern, Patenkindern und Nichten und Neffen, dass euch euer Beruf begeistert. Seid Vorbilder für die Mädchen, damit sich diese auch für die SBK interessieren. Es ist so eine spannende und vielseitige Tätigkeit.

1 Kommentar

  1. Veröffentlich von Hannah Koslowski am 20.05.2021 um 13:45

    Ich finde es toll, wenn Menschen in ihrem Job aufgehen und ihn gerne machen. Für mich wäre der Beruf eines Kammerjägers allerdings nichts. Ich habe eine Insektenphobie und wäre deshalb völlig ungeeignet. Aber schön zu lesen, dass dir die Kakerlaken Glück gebracht haben!

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